Badische Zeitung vom Samstag, 12. März 2005

"Kein klares inhaltliches Konzept"

BZ-INTERVIEW mit dem Gründungsvorsitzenden der Kreis-Grünen von 1980, Joachim Amann: "Konflikten wird ausgewichen"

KREIS EMMENDINGEN. Joachim Amann wurde bei der Gründungsversammlung der Kreisgrünen vor 25 Jahren zum ersten Vorsitzenden gewählt. Trotz deutlicher Kritik an den Grünen auf Kreis- und Bundesebene ist Amann weiterhin Mitglied bei ihnen. BZ-Mitarbeiter Michael Haberer sprach mit dem Emmendinger Rechtsanwalt.

BZ: Wie kam es zur Gründung einer Grünen-Partei vor 25 Jahren?
Amann: Ausgangspunkt waren die Bürgerinitiativen gegen das Atomkraftwerk in Wyhl. Doch viele von den Akteuren der BI wollten mit ihren Überzeugungen nicht in die Politik oder zu einer Partei gehen. Für sie war es das Wichtigste, den Bau des Atomkraftwerks hier in der Region zu verhindern. Einige wie die Gründungsmitglieder Otto Bury, Walter Sexauer oder ich waren aber der Meinung, dass die grünen Ideen auch eine politische Heimat brauchten, um überregional auftreten zu können. Nicht das St-Florian-Prinzip sollte herrschen, sondern wir wollten die Gefahren der Atomkraft oder die der internationalen Aufrüstung im Großen angehen.
BZ: Gibt es einen besonderen Grund für Ihre Wahl zum Vorsitzenden? Amann: Ein grundsätzliches Problem war die Zugehörigkeit zu ganz unterschiedlichen politischen Strömungen. Ein großes Thema war, wen man alles nicht dabei haben wolle. Die bürgerlichen BI-Mitglieder hatten heftige Schwierigkeiten mit den streitbaren Vertretern linker Überzeugungen. Diskutiert wurde, ob Kommunisten zu den Grünen passen. Sexauer war der Meinung, dass man mit allen, die mitmachen wollen, reden müsse. Angesichts der Angst vor Chaoten waren die Mitbegründer froh, einen Rechtsanwalt wie mich, also mit einem ordentlichen Beruf, als 'Vorzeigevorsitzenden' gewonnen zu haben.
BZ: Inzwischen stehen sie den Kreis-Grünen skeptisch gegenüber. Wo setzt Ihre Kritik ein?
Amann: Die Distanz zu politischen Randgruppen ist den Kreisgrünen, anders als anfangs bei der Bundespartei, eigentlich immer geblieben. Ihr Auftreten in der Öffentlichkeit leidet darunter, dass es kein klares inhaltliches Konzept für eine Grünen-Politik im Landkreis gibt. Über die kurzatmige Reaktion auf einzelne ökologische Streitfragen ist man eigentlich nie richtig hinausgekommen. Dieses Defizit gab der Hierarchisierung und der Fixierung auf Einzelpersonen Vorschub. Ich nenne nur den mehrmaligen Landtags-, OB-Kandidaten und Emmendinger Stadtrat Oskar Kreuz.
BZ: Aber der Zuspruch der Wählern und damit die Zahl der Gemeinde- und Kreisräte wuchs stetig.
Amann: Trotzdem halte ich die Tendenz hin zu 'kreuzbrav' für nicht richtig. Man hat sich schnell in die leise Bewältigung zurück gezogen und den Konflikt gescheut. Die Kreis-Grünen konzentrieren den Blick auf aussterbende Arten in irgendeiner Aue. Das ist natürlich so gutmenschlich, dass kaum jemand in der Bevölkerung widersprechen kann. Aber ein kämpferisches Auftreten für die Asylanten oder ein basisdemokratischer Widerstand gegen den Abbau der Bürgerrechte, wie sie von der rot-grünen Bundesregierung betrieben wird, ist hier nirgends zu sehen. Es fehlt gänzlich die Grundeinstellung, dass man den wichtigen Konflikten nicht ausweichen kann.


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