Badische Zeitung vom Freitag, 17. April 2009
Umweltaktivist und Wachstumskritiker
MENSCHEN IM LANDKREIS: Der Endinger Axel Mayer versteht sich als "südbadischer Aborigine"
Von BZ-Redakteurin Sarah Nagel
KREIS EMMENDINGEN. Viele Flüsse waren schäumende Kloaken, die Luft war verschmutzt und Umweltaktivisten trugen Vollbart, als Axel Mayer mit 18 auf seiner ersten Bauplatzbesetzung war. Damals, es war das Jahr 1974, sollte ein Bleichemiewerk im elsässischen Marckolsheim gebaut werden. Wenig später wurde er als junger Mann auch beim Protest gegen das geplante Atomkraftwerk im Wyhler Rheinauewald aktiv. Klassische Umweltgefährdung oder -verschmutzung war jedenfalls vor 35 Jahren die Antriebskraft, sich zu engagieren.
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Biologisch-dynamisch: Axel Mayer bei der Präsentation der BUND-Nistkastenaktion. [BZ-FOTO: Pr]
Eigentlich könnten Mayer und seine vielen regionalen Mitstreiter stolz auf das Erreichte sein: Erst vor wenigen Tagen hat Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU!) die Aussaat von Genmais in Deutschland untersagt, vor drei Jahren hat die letzte Papierfabrik ohne Kläranlage geschlossen, das AKW Wyhl ist längst ad acta gelegt, der Rhein hat wieder Badequalität, Energiesparlampen sind schick und selbst in den USA beginnen die Menschen, ihren Müll zu trennen.
Trotzdem findet Mayer: "Wir haben falsch gedacht." Alles, was sie - der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), die Grünen oder seine Atomkraftgegner-Freunde - sich ausgedacht hätten, sei zu kurz gegriffen gewesen, sei oberflächlich geblieben. Nichts weniger als eine grundsätzliche Systemänderung könne die Welt jetzt noch vor dem Verderben retten, erklärt der Umweltaktivist beim BZ-Gespräch in seinem an der Freiburger Wilhelmstraße gelegenen BUND-Büro.
Mayer ist säuerlich: Konservative würden sich mit grünen Floskeln schmücken, manch' Grüner bleibe stehen, Atomkraftwerke hätten Umweltschutzslogans für ihre Werbung entdeckt. Na gut, in Sachen Luft- und Wasserreinhaltung hätten sie wahnsinnig viel erreicht, räumt Mayer immerhin ein. Aber was sich grundsätzlich verändert hätte, sei doch die Öffentlichkeitsarbeit "der Anderen". Dennoch lässt der 53-Jährige in seiner Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit nicht nach, Axel Mayer mailt monatlich meistens um die 15 Seiten an seinen großen Verteiler: Von ihm selbst verfasste Pamphlete, Systemkritiken, Manifeste. Er wirbt für nachhaltige Entwicklung, ökologisches Bewusstsein und soziale Gerechtigkeit.
Der ehemalige Vermessungstechniker ist seit vielen Jahren BUND-Regionalgeschäftsführer für Südbaden. Geboren in Teningen, lebte er lange in Riegel, ehe er vor fast zwei Jahrzehnten mit seiner langjährigen Lebenspartnerin Barbara Schmidt nach Endingen umzog. Auf langen, einsamen und teils abenteuerlichen Wanderungen - auf Korsika, im Tessin, aber auch im tibetischen Transhimalaya - findet er Ruhe und zu sich.
1992 wurde Mayer für die Grünen des nördlichen Kaiserstuhls in den Kreistag gewählt. Somit wirkt er seit nun bereits 17 Jahren auch in diesem Gremium. Von Anfang an war er bei den Badisch-elsässischen Bürgerinitiativen dabei, die aber inzwischen auch mangels Nachwuchs an Bedeutung verloren haben. Dafür ist die Politik im "Dreieckland" insgesamt atomkritischer geworden. Als Vizepräsident im Trinationalen Atomschutzbund kritisiert Mayer das elsässische Atomkraftwerk Fessenheim ("Schrottreaktor") und kann in den Schweizer Atomkraftwerks- und Atommülllagerungsplänen überhaupt nichts Gutes erkennen.
Früher hat Mayer lange Haare und Vollbart getragen, nun glänzt die hohe Stirn. Er hat etwas von einem Bruce Willis in Birkenstock-Sandalen. Dank seiner Medienerfahrung kann Mayer reden wie Politiker eben reden können. Er trägt Jeans und Pulli - und eine schöne, alte Uhr. "Beim Konsum sind Ökologen doch die letzten Konservativen", schmunzelt Mayer. Gut leben statt viel haben ist sein Grundgesetz zum "guten" Konsum. Hochwertige, langlebige Produkte kaufen, Dinge, die nicht gebraucht werden, liegen lassen. Es geht ihm nicht um Verzicht, sondern um den Abschied vom Wachstumsgedanken: "Unbegrenztes Wachstum zerstört begrenzte Systeme", sagt er.
Im Trinationalen Atomschutzbund schätzt Mayer besonders seine Auftritte in der Schweiz: "Da kann ich Alemannisch reden", sagt der selbsternannte "südbadische Aborigine". Früher, als Umweltschutz noch abenteuerlich war, hat er mit seiner Lebensgefährtin Bücher zum Umweltschutz nach Estland, Lettland und Litauen geschmuggelt.
Natürlich hätte sich auch viel getan. Eine Million Klicks hätte die BUND-Webseite kürzlich gezählt. Aber ein grundsätzliches Umdenken fehlt ihm. "Eigentlich müsste man doch aus Krisen lernen. Aber selbst in der Krise werden die Grundsteine für neue Krisen gelegt", sagt er. Dass Atomkraft sogar als Lösung für Umweltprobleme angepriesen wird, regt ihn besonders auf. Aber von Resignation ist nicht viel zu spüren. Pro Woche hat er in der Regel sechs Abendtermine. Doch er gönnt sich jetzt mehr Pausen als früher, geht öfter mal wandern. Aber grundsätzlich ist sein Beruf auch sein Hobby: "Wenn ich keine Hoffnung hätte, würde ich nicht so engagiert arbeiten".