Pressemitteilung vom Donnerstag 17. April 2008

"Dumm dran": Die benachteiligten SchülerInnen in Biederbach, Griesingen und anderswo

Schule und Chancengleichheit im ländlichen Raum in Baden-Württemberg

Würden Sie Ihre Kinder an eine Grundschule schicken,
die im langjährigen Mittel nur 3,1 % ihrer SchülerInnen den direkten Übergang ans Gymnasium ermöglicht? Die Prozentzahl der Schulübergänge von der Grundschule ins Gymnasium beträgt in Freiburg 45,8 %. Ganz anders aber sehen die Zahlen in Randbereichen des ländlichen Raumes in Südbaden aus. In Biederbach, einem kleinen Dorf im hinteren Elztal, sind es im zehnjährigen Mittel 3,1 % die den Übergang von der Grundschule zum Gymnasium schaffen, in Elzach 14,2 %, und in Simonswald 12,5 %. (Stand Jahr 2000)

>>>Chancengleichheit für SchülerInnen im ländlichen Raum? (2000)

>>>zum Bericht in der Frankfurter Rundschau (2000)...

Mit dieser provozierenden Frage
hatte ich im Jahr 2000, also vor dem Pisa-Schock, eine heftige regionale und überregionale Debatte zum Thema Schule und Chancen(un)gleichheit im ländlichen Raum ausgelöst.

8 Jahre danach
habe ich jetzt noch einmal die aktuellen Übergangszahlen von den Grundschulen zu den Realschulen und Gymnasien im Landkreis Emmendingen überprüft.

http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/BildungKultur/


Generell lässt sich sagen, dass sich die Situation zwar erfreulicherweise verbessert hat, von Chancengleichheit aber sind wir im Landkreis Emmendingen und in manchen Randregionen in Baden-Württemberg noch weit entfernt.

Während in der kleinen Gemeinde Vörstetten (im Speckgürtel Freiburgs) im Jahr 2007/2008 kein einziger Schüler mehr auf die Hauptschule geschickt wurde und 64% der SchülerInnen ans Gymnasium gingen, lag die Übergangsquote zum Gymnasium in Biederbach in den Jahren 2005/2006 und 2006/2007 bei 0%. Biederbach ist aber (wieder einmal) nur die Spitze des Eisberges.

Im zehnjährigen Mittel (Zahlen bis 2007) liegt die Übergangsquote von der Grundschule zum Gymnasium in Vörstetten bei 48,1% und in Biederbach bei 9,9%.

Dies liegt nicht an den Kindern in den Tälern des Schwarzwaldes und den anderen Randgebieten des ländlichen Raumes in Baden-Württemberg. Es liegt auch nicht an den Lehrern und Lehrerinnen in Biederbach und im ländlichen Raum, die eine wichtige, schwere und gute Arbeit leisten.

Die vorliegenden Zahlen zeigen ein strukturelles Defizit in Sachen Chancengleicheit im ländlichen Raum auf, das nicht nur den Landkreis Emmendingen betrifft.

Gründe für die Benachteiligung gibt es viele. Da spielt die Frage der guten oder schlechten Verkehrsanbindung an die Gymnasien eine Rolle. Auch gute Realschulen vor Ort werden häufig dem entfernten Gymnasium vorgezogen. Dazu kommt die Haltung eines Teils der Eltern in ländlichen Regionen. Manchmal würde der Übergang vieler SchülerInnen ans Gymnasium auch den Erhalt der kleinen Hauptschule vor Ort gefährden.

Das Hauptproblem ist aber das überkommene dreigliedrige Schulssystem und die viel zu frühe Festlegung der SchülerInnen auf den Schultyp in der vierten Klasse. Hier muss die Problemlösung ansetzen.

Auch wenn sich die Situation seit meiner ersten Anfrage im Jahr 2000 verbessert hat, sind wir trotz Pisadebatte von Chancengleichheit im ländlichen Raum noch weit entfernt. Echte Chancengleichheit ist ein utopisches, unerreichbares Ziel, und dennoch muss es in der Demokratie eine ständige Aufgabe sein, uns diesem Ideal anzunähern. „Provinzpolitiker“ und das sind Kreisräte im besten Sinne des Wortes haben solche lokalen Themen aufzugreifen.

Wenn wir davon ausgehen, dass die SchülerInnen in Freiburg / Vörstetten, den Seitentälern des Schwarzwaldes und in ganz Baden-Württemberg gleich gescheit sind, dann sind die unterschiedlichen Übergangszahlen aufs Gymnasium nicht akzeptabel.

Es geht nicht darum, das Gymnasium
oder die Freiburger / Vörstetter Verhältnisse zu idealisieren. Wir brauchen Computerspezialisten und wir brauchen gute Handwerker und Facharbeiter. Der Zugang zu Bildung und zu den unterschiedlichen Berufen aber sollte in der Fähigkeit der Kinder und nicht im Wohnort begründet sein. Hier gibt es für die BildungspolitikerInnen in Baden-Württemberg noch viel zu tun.

Es zeigt sich aber auch ein anderes Stadt/Land-Problem. Bildungspolitik ist viel zu stark metropolenorientiert, denn dort gehen die Kinder der meisten PolitikerInnen zur Schule. Auch das Medieninteresse an Bildungsthemen beschränkt sich häufig auf Stadtprobleme.

Wenn Bildung tatsächlich unser wichtigster Rohstoff ist, dann muss sich in Baden-Württemberg und nicht nur in Randgebieten des Landkreises Emmendingen noch viel ändern.

Axel Mayer


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