Badische Zeitung vom Freitag, 19. Dezember 2008

"Arbeit noch besser verteilen"

BZ-Interview mit Grünen-Kreisrätin Irene Kunz-Woestmann

KREIS EMMENDINGEN (sag). Kindererziehung galt lange als alleinige Aufgabe der Frauen. Doch auch der Vater hat die Möglichkeit, Erziehungsurlaub zu nehmen. Voraussetzung für Elternzeit ist, dass dies der Betrieb des Vaters unterstützt. Hier gibt es noch Nachholbedarf im Landkreis, findet die Emmendinger Grünen-Kreisrätin Irene Kunz-Woestmann. BZ-Mitarbeiter Andreas Schmieg sprach mit ihr.

BZ: Im Vergleich zu anderen Regionen, so die Wirtschaftsfördergesellschaft des Landkreises, mangelt es bei uns nicht an familienfreundlichen Betrieben. Warum geht Ihnen diese Familienfreundlichkeit nicht weit genug?

Kunz-Woestmann: Natürlich gibt es bereits familienfreundliche Maßnahmen in den Betrieben. Mit Arbeitszeitkonten und flexiblen Arbeitsmodellen kann bereits garantiert werden, dass auch der Vater sich besser um die Kinder kümmern kann. Aber es gibt noch viel Handlungsbedarf. Die Studie der Fördergesellschaft hat da wenig Visionäres untersucht. Je besser man als Betrieb garantieren kann, dass ein Wiedereinstieg nach der Elternzeit machbar ist, desto mehr Männer wären auch bereit, eine Auszeit für die Kinder zu nehmen. Es bringt auch für die Familie finanzielle Vorteile, wenn der Vater zu Hause bleibt. Das Elterngeld in Höhe von 67 Prozent des letzten Nettolohnes kann zwei Monate länger bezogen werden, also vierzehn Monate, vorausgesetzt, der Vater bleibt mindestens für diese zwei Monate auch zu Hause.

BZ: Diese Entscheidung fällt ja nicht gerade einfach aus. "Guck' mal, der Softie bleibt zu Hause und kümmert sich um die Kinder", so könnten doch die Mitarbeiter auf die Entscheidung eines Vaters reagieren. Was setzen Sie dem entgegen?

Kunz-Woestmann: Zunächst einmal ist Erziehung keine Erholung zu Hause. Es ist eine andere Art von Arbeit mit anderen Anforderungen. Wir als Grüne fordern die Gleichstellung von Mann und Frau. Wenn der Mann zu Hause bleibt, hat die Frau natürlich mehr Spielraum, um sich beruflich zu orientieren. Aber auch die Gesellschaft hat etwas davon, wenn der Mann daheim bleibt. Die "soft skills", die er zu Hause erlernt, können ihm nach einem Wiedereinstieg sehr hilfreich im Beruf sein. Ganz abgesehen davon kommt er nach einer Auszeit motivierter zu seiner alten Firma zurück. Allerdings sehe ich Schwierigkeiten für Selbstständige, die Elternzeit in Anspruch nehmen. Für alle anderen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen müsste Ersatz über Zeitarbeitsverträge möglich sein, die es ja leider aus wirtschaftlichen Gründen schon oft genug gibt. Generell sollte Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden, zum Beispiel über Job-Sharing.

BZ: Derzeit nehmen im Landkreis Emmendingen 12,1 Prozent der Väter die Elternzeit in Anspruch. Damit bleiben bei uns deutlich mehr Väter zu Hause als in anderen Landkreisen Baden-Württembergs. Wie lange, glauben Sie, wird es dauern, bis noch mehr Kinder von einer väterlichen Erziehung profitieren?

Kunz-Woestmann: Ich bin da eher pessimistisch. Wir sind natürlich eine ländlich-konservativ geprägte Region, in der eine Auszeit für Väter nicht selbstverständlich ist. Deutschland insgesamt ist in dieser Entwicklung auch etwas langsamer als beispielsweise nordische Länder. Dort gilt die Familie generell mehr. So sagen Manager auch mal Termine außer Landes ab, weil sie sich um die Familie kümmern.


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