Badische Zeitung vom Samstag, 15. Januar 2005

"Denzlingens grüner Vorbote"

Von BZ-Redakteur Frank Kiefer.

Vor 25 Jahren konstituierten sich die Grünen bundesweit / Vor 25 Jahren zog Martin Gruber als erster Grüner in den Gemeinderat

DENZLINGEN/GUNDELFINGEN. Als Bundespartei feiern die Grünen gerade ihren 25. Geburtstag. Was jedoch vor 25 Jahren kaum denkbar war, nämlich dass es allein in Baden-Württemberg einmal 1239 Mandate in den Gemeinderäten oder Kreistagen geben würde oder gar "grüne" Minister in Berlin, begann 1980 mit einem der ersten Gemeinderatsmandate für einen Grünen: Martin Gruber zog in den Denzlinger Gemeinderat ein. Die Grünen-Liste hatte mit 6,2 Prozent eines der 18 Gemeinderatsmandate errungen.

Schon fünf Jahre später saßen in Denzlingen vier Grüne am Ratstisch, auf die 18,3 Prozent der Stimmen entfallen waren. Vier waren es auch im benachbarten Gundelfingen. Woher kam dieser frühe Erfolg? Beide Gemeinden waren und sind in Folge der Flüchtlingswanderungen nach dem Krieg als Wachstumsgemeinden in Freiburgs Norden ausgewiesen. Aus bäuerlichen Kommunen wurden in kurzer Zeit Kleinstädte.

Zählte Denzlingen 1950 noch knapp 3000 Einwohner, waren es 1961 schon 4100 und 1970 knapp 6500. Gundelfingen, 1961 noch mit 2700 Bürgern, wuchs bis 1970 auf 5100 Bürger an. Zehn Jahre später übersprang Denzlingen die 10 000er-Grenze, Gundelfingen folgte bald.

Viele der Neubürger kamen aus beengten Verhältnissen in Freiburg, wollten eine Familie gründen und suchten die "Idylle auf dem Land". Gerade diese Bürger waren es aber auch, die Anfang der 80er-Jahre diese Idylle auch bewahren wollten. So fanden sich schnell Interessengruppen zusammen, die auf kommunaler Ebene gegen mehr Verkehr, gegen Lärm entlang der Straßen oder für mehr Grün in den Orten kämpften.

In Denzlingen entstand am Ende der 70er-Jahre die "Bürgerinitiative Berliner Straße", fünf Jahre später standen sich in Gundelfingens Kommunalparlament die Interessengruppen für oder gegen eine Bebauung des "Litzfürst" nahe des Waldes gegenüber, wo eine Schulsportstätte realisiert werden sollte. Als Sammelbecken der "Bewahrer der Natur" boten sich die im Land formierten Grünen an. Die "Gründungsszene" war bunt und vielfältig: Bürgerinitiativler, "Müslis", Lehrer und Studenten gehörten ebenso dazu wie "Einzelkämpfer", Querdenker und auch ehemalige SPD-Mitglieder.
"Es war schon ein Kampf, wir waren mit Vorurteilen belastet - und auch unter uns gab es genügend Klärungsbedarf", so erinnert sich Martin Gruber, der als 55-Jähriger 1980 erste Erfahrungen als Kommunalpolitiker sammelte. Der gelernte Architekt erinnert sich auch noch gut an seinen ersten Antrag im Gemeinderat. Es ging um die Gleisplanänderung im Denzlinger Bahnhof im Zusammenhang mit der Beseitigung des beschrankten Bahnübergangs. "Als Architekt und Eisenbahnfreund habe ich sofort gesehen, dass die Planung der Bahn nicht realisierbar ist", ging es Gruber damals doch um den Erhalt der Elztalbahn, die stillgelegt werden sollte.

Überrascht war er allerdings vom Ansinnen der CDU. Auf deren Antrag hin sollte der erste Grüne im Denzlinger Gemeinderat nämlich gleich bei der konstituierenden Sitzung zum fünften Bürgermeisterstellvertreter avancieren. "Die wollten sich wohl anbiedern", meint er heute rückblickend. Aber als "Bau"-Menschen wollten sie den Architekten nicht im Bauausschuss. Das glaubt Wolfram Dennig nicht, der als SPD-Bürgermeister 1972 gewählt und bis Ende 1996 auch Vorsitzender des Gemeinderates war: "Gruber war als grüner Repräsentant Außenseiter im Gemeinderat und wurde oft unsachlich attackiert. Gruber konnte dann auch zornig werden, was nicht seine Art ist", so Dennig, der aber nie den Eindruck gehabt habe, es sei persönlich gemeint. Der Ärger über die Grünen-Bewegung sei von den etablierten Listen lediglich auf die Person Grubers "fokussiert" worden.

Der damalige Hauptamtsleiter Helmut Käfer und er hätten stets darauf geachtet, dass alle Gemeinderäte die gleichen Rechte hatten, so der Altbürgermeister rückblickend. Seine Politik sei es gewesen, die damalige Bürgerinitiative "ernst zu nehmen und damit klein zu halten". Wurden Lärmmessungen der BI bezweifelt, ließ Dennig von Amts wegen messen. "Und damit haben wir uns in Bürgerversammlungen dann auseinander gesetzt", so Dennig. Bürger hätten erkannt, dass manche Behauptungen der BI übertrieben waren und so habe sich "manches totgelaufen". Immerhin habe ein Umdenken in der Stadtentwicklung Denzlingens eingesetzt. Dies habe er auch mit einer "Baufibel" für das "alte Denzlingen" entlang der Glotter fördern wollen, was die Bauverwaltung dann aufgegriffen habe. "Mit eiserner Konsequenz hat Denzlingen bis dahin seine Baugeschichte vernichtet", so Martin Gruber rückblickend. Es habe bessere Dinge gegeben, die es zu erhalten gegolten hätte, als das Inselhaus, so Gruber, der den Farrenstall oder die Nagelschmiede und die alten Wassermühlen im Blick hatte.

"Wir haben uns als Ideenmotor verstanden", so Gisela Gabriel, die 1984 für den Gundelfinger Rat kandidiert hatte. Im Rat seien die ersten vier Kollegen aber wenig geachtet gewesen: "Null Ahnung, null Bock, aber sie kommen", so sei den ersten Grünen-Gemeinderäten von den anderen vier Fraktionen entgegengeschallt. Gabriel - im Hintergrund mit guten Kontakten zu den CDU-Mitgliedern Joos und Rohrer, die sich "der Schöpfung verpflichtet" sahen -, erinnert sich noch gut, wie die "grünen" Ideen in Sachen "Litzfürst" durchaus mehrheitsfähig wurden und allen Anfechtungen widerstanden. "Wollt ihr das gemeinsam mit der CDU erreichen oder habt ihr Berührungsängste", habe sie zögerlichen Grünen entgegengehalten. Sie erinnert sich aber auch, wie ihre Fraktion eine Riesenliste mit rund 40 Haushaltsanträgen formuliert hatte, "als noch Geld da war".


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