Badische Zeitung vom Donnerstag, 14. Mai 2009
Ganztagsschule als Säule der "Basis-Schule"
Renate Raststätter bei Grünen
EMMENDINGEN (hag). Die Abgeordnete und schulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Renate Raststätter, sorgt sich um die Zukunft der Ganztagsschulen. In Emmendingen stellte sie ihr Schulreform-Programm zur Diskussion.
"Deutschland geht in der Bildung zwei Sonderwege", sagte Raststätter, die auf Einladung des Grünen-Ortsverbands im Siedlerstüble zu Gast war. Dabei gelte sowohl die Trennung der Schulwege nach dem vierten Schuljahr als auch der konzentrierte Unterricht am Vormittag international als überholt. "Unser System fördert die frühe soziale Auslese. Wir haben ein Gerechtigkeitsproblem", so die Abgeordnete. Zudem hätten die geänderten Gesellschaftsstrukturen steigenden Bedarf an ganztägiger Betreuung und Nachhilfe für viele Schüler erzeugt. Rund vier Milliarden Euro geben die Deutschen laut Raststätter nun jährlich für Nachhilfe aus.
Um diesen Problemen zu begegnen wollen die Grünen, wie auch die derzeitige Regierungskoalition, den Ausbau von Ganztagsschulen in allen Schulzweigen forcieren. Die Crux: Obwohl das Land dies ebenso verfolgt, gehen den Grünen die Reformen des Schulwesens nicht weit genug. So gebe es zum Beispiel für Gymnasien eine steigende Anzahl an Ganztagesschulen, vom Land würde dafür aber nur eine zusätzliche Lehrerstunde pro Woche genehmigt. Die restliche Nachmittagsbetreuung, die in der Regel bis 16 Uhr angeboten werde, sollten ehrenamtliche Betreuer oder Vereine übernehmen. "Das ist keine verlässliche Säule eines pädagogischen Konzepts", so Raststätter.
Ehrenamtliche Lernbeauftragte müssen angemessen honoriert werden In ihrem Reformprogramm fordern die Grünen nun, die Zahl der Lehrerstellen an Ganztagsschulen bis 2015 um rund 3000 zu erhöhen. Das Land fordert aktuell rund 1800 Stellen. Pro Stelle müssen dafür 50 000 Euro kalkuliert werden, so Raststätter. Da man mit insgesamt sinkenden Schülerzahlen rechne, sei dies für den Haushalt noch zu verkraften. Zudem sollten ehrenamtliche Lehrbeauftragte angemessen honoriert werden. Da Ganztagesschulen nur mit entsprechenden Räumlichkeiten funktionierten müsse auch mehr Geld in den Ausbau der Schulinfrastruktur fließen.
Die Ganztagesschulen sind für die Grünen ein erster Schritt zu mehr Chancengerechtigkeit an den Schulen und längeren gemeinsamen Lernens von Schülern. Entsprechend den Vorgaben der Vereinten Nationen, die auch auf Bundesebene umgesetzt werden sollen, wird es künftig keine Sonderschulen mehr geben. Bei den Grünen hieße dies die Einrichtung einer mindesten zehn-jährigen Basisschule, in der Kinder mit und ohne Lernschwierigkeiten oder Behinderungen zusammen lernen. Dafür brauche es flächendeckend Ganztagesschulen "ohne Unterschiede", so Raststätter. Die Ausführungen der Politikerin trafen unter den rund 20 Zuhörern im Siedlerstüble auf reges Interesse. Dabei wurden auch Details aus Emmendingens Schulalltag bekannt. So gab Petra Zai-Englert, Schulsozialarbeiterin in Emmendingen, an, dass derzeit "jede Woche ein Kind von Gymnasien" an die hiesigen Realschulen versetzt werde. Dies sei pädagogisch und planerisch nicht zu verantworten.